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Berlin wurde aus dem Kahn erbaut

Karl Manfred Pflitsch, Vorsitzender der Berliner Schiffahrtsgesellschaft e. V., über das ungewöhnliche Hobby einiger Berliner

Sie sind von Beruf Architekt, wie kommt ein Architekt aufs Wasser?
     Karl Manfred Pflitsch: Von Kindheit an gehörte meine Liebe dem Wasser. Stets hatte ich mit Booten zu tun. Nicht nur theoretisch, auch praktisch. Als ich aus Altenessen, das liegt in der Nähe von Essen, nach Berlin kam, hatte ich über sechs Jahre lang einen 30 Quadratmeter Kielkreuzer aus dem Jahre 1932 auf den Havelseen. Wie weit meine »Verrücktheit« geht, sehen Sie daran, daß ich bis zur Wende sogar Besitzer eines alten Polizeibootes von zehn Meter Länge war.

Schiffahrt und Handel haben in Berlin Tradition. Der Verein, dem Sie vorstehen, hat sich als Aufgabe die Erhaltung und Förderung der historischen Binnenschiffahrt gestellt. Was bedeutet das konkret?

     Karl Manfred Pflitsch: Leider ist viel Wissen über die Wasserstadt Berlin verlorengegangen. Deshalb interessiert uns im Detail, welche Rolle die Schiffahrt in der Geschichte Berlins gespielt hat, welche Höhepunkte es gab, welche Wellentäler. Der Verein bemüht sich, historische Schiffe zu erhalten und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir wollen geschichtliche Zusammenhänge herausarbeiten, versuchen, die Vergangenheit, die Berlin als Stadt der Schiffahrt hat, neu zu entdecken. Dazu gehören beispielsweise Untersuchungen zu Transportleistungen der Binnenschiffahrt bei der Stadterweiterung Berlins ebenso wie Daten und Fakten zur Entstehung bedeutender Wasserbauten.

Ist Ihre Arbeit für den Verein mehr als ein Hobby?
     Karl Manfred Pflitsch: Irgendwo schon. Denn wir haben uns Aufgaben gestellt, deren Realisierung eine zielgerichtete Arbeit erfordert. Diese bietet mir - neben meinem Beruf - die Möglichkeit, Erfahrungen ganz anderer Art zu machen. Seit 30 Jahren lebe ich in der Stadt. Ich fühle mich nicht als Wahlberliner, ich bin ein echter Berliner.

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Und habe erlebt, daß nach dem Fall der Mauer Tag für Tag neue, überraschende Seiten dieser Stadt zutage traten. Das betrifft alle Lebensbereiche. Da man Vergangenheit und Zukunft nicht trennen kann, ist u. a. die Arbeit für den Verein für mich so faszinierend - also deutlich mehr als ein Hobby.

Wie kam es zur Gründung des Vereins?
     Karl Manfred Pflitsch: Nach der Wende gab es neue, überraschende Kontakte zwischen Menschen aus beiden Teilen der Stadt. Es gab Interessenübereinstimmungen. In puncto Binnenschiffahrt beispielsweise. Besser gesagt: der Liebe zu ihr. Aus dieser Liebhaberei entstand der gemeinsame Wunsch, aktiv zu werden. Das ist das Reservoir, aus dem die Leute kommen, die sich nun schon fünf Jahre lang aktiv für die Vereinsziele einsetzen.

Kommt man an die Berliner Mühlendamm- Schleuse und das benachbarte Märkische Ufer, so sieht man eine Reihe von Flußschiffen unterschiedlichster Bauart, die man auch als Laie unschwer als Veteranen erkennen kann. Das äußere Erscheinungsbild läßt die sachkundige Hand ahnen ... Wieviel Mitglieder hat der Verein, was sind das für Leute, was tun sie?
     Karl Manfred Pflitsch: Wir haben mittlerweile 200 Mitglieder. Alles Leute, die an der Binnenschiffahrt interessiert sind. Sie kommen aus allen Teilen der Stadt, aus allen Schichten, allen Berufen. Bei uns kann jeder mitmachen, der Spaß an der Freude hat. Und das nötige Nervenkostüm. Denn der Umgang mit den alten Schiffen, angefangen von der Rekonstruktion und bis hin zur Werterhaltung, ist eine mühsame Sache. Oftmals verbunden mit großem körperlichem Einsatz, immer mit Sachverstand.
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So mancher, der glaubte, etwas von Schiffen und von der Schiffahrt zu verstehen, schüttelte nur entnervt den Kopf angesichts der Bootsruinen, die wir an Land gezogen haben. Um so größer ist später dann die Freude, wenn das Schiff plötzlich wieder schwimmt, sich aus eigener Kraft vorwärtsbewegt.

Ein Schiff zu erhalten erfordert ja mehr als den gekonnten Umgang mit Pinsel und Farbe ... Wie ausgeprägt ist Ihr Ehrgeiz in bezug auf Detailtreue und Funktionstüchtigkeit?
     Karl Manfred Pflitsch: Groß. Auch weil es gelegentlich sehr schwer ist, an Originalersatzteile zu gelangen. Zusätzlich errichten der Korrosionsgrad oder die Ermüdung des Materials Barrieren. Trotzdem haben wir uns das Ziel gesetzt - und das ist durchaus eine Ergänzung zu den großen Museen, z. B. dem Museum für Verkehr und Technik in Berlin -, unseren Schiffsbestand funktionstüchtig und fahrbereit zu erhalten. Wo kann man heutzutage noch mit einem richtigen Dampfer fahren. Das ist ein einmaliges Erlebnis. Allein die Antriebsgeräusche, die Bewegungen des Bootskörpers, die Atmosphäre eines lebendigen Schiffes, das genießen wir.


Der Historische Hafen Berlin
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Welche und wie viele Schiffe haben Sie mittlerweile zu betreuen?
     Karl Manfred Pflitsch: Da ist zunächst unser Flaggschiff, die »Andreas«: ein 36 Meter langer und sieben Meter breiter Schleppdampfer. Ausgerüstet ist er mit einem Zwei-Flammrohr- Dampfkessel und einer 305 PS starken dreifach Expansions- Dampfmaschine. Die »Andreas« ist ein funktionstüchtiges Dampfschiff. Es wurde 1944 gebaut. Und wir sind besonders stolz darauf, daß es uns gelungen ist, dieses Schiff Schritt für Schritt zu restaurieren. Aber wir haben natürlich noch wesentlich ältere Schiffe in unserem Bestand. Veteranen, erbaut Ende des vorigen oder Anfang dieses Jahrhunderts. Wir streben einen repräsentativen Querschnitt durch die Geschichte der Flußschiffahrt an. Daneben haben wir uns einem besonders attraktiven Zweig der Binnenschiffahrt zugewandt, den großen Lastschiffen, die früher in der Lage waren, zu segeln. Das ist eine faszinierende Sache. Wir lernen gerade, mit solch großen Lastenseglern auf Fahrt zu gehen.
Drei Schiffe haben wir unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten mit Segeln ausgerüstet und führen jährlich Veranstaltungen mit ihnen durch.

Haben Sie ein Lieblingsschiff?
     Karl Manfred Pflitsch: Ja, die »Andreas«. Sie ist als funktionsfähiger Dampfer eine Besonderheit und in ihrer Größe als Binnenschiff in der Bundesrepublik einmalig. Aber es gibt natürlich noch andere schöne Schiffe. Da ist z. B. die »Heinrich Zille«, ein altes Fahrgastschiff aus dem Berliner Raum, das ursprünglich in Stettin gebaut worden ist und in diesem Jahr hundert Jahre alt wird. Ein beeindruckendes Objekt. Die »Heinrich Zille« war früher mit einer Dampfmaschine ausgerüstet. Später wurde sie dann umgebaut, mit einem Dieselmotor versehen. Wir sind besonders stolz, daß wir dieses Schiff fahrbereit halten und damit unseren Gästen ein altes Personenschiff zeigen können. Aber auch die Segelschiffe haben es mir angetan.

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Nicht nur Wasserfahrzeuge, auch eine Vielzahl von Ausrüstungsgegenständen sowie Schiffszubehör jeder Art gehören zum Museum. Diese Dinge kann man sich auf der »Renate- Angelika« anschauen, einem sogenannten Berliner Maßkahn aus dem Jahre 1910. Dort erfährt man auch anhand von Schautafeln und der in Vitrinen dokumentierten Schiffahrtsgeschichte, daß ein Leben als Binnenschiffer alles andere als romantisch war.
     Karl Manfred Pflitsch: Ja, für Romantik war und ist auf Binnenschiffen kein Platz. An Bord mußte stets hart gearbeitet werden. Meist war die ganze Familie eingespannt, die Frau wohnte und arbeitete mit auf dem Schiff. Die meisten Binnenschiffer hatten nicht mal eine Landwohnung, sie lebten mit ihren Familien an Bord. Dort wurden Hühner und anderes Kleinvieh gehalten, manchmal sogar Schweine. Oft mußten die Schiffe gestaakt, das heißt mit langen Stangen vorwärts geschoben werden, Schiffe mit einer Masse von 300 bis 400 Tonnen. Eine weitere, damals übliche »Antriebsmethode« war das Treideln.
Das Schiff wurde vom Ufer aus von Menschen gezogen. Dann gab es die sogenannten Steineschiffer, die transportierten mit ihren Schiffen die Steine für den Aufbau Berlins. Geholt wurden diese aus den Ziegeleien rund um die Stadt. 40 000 Ziegel waren eine normale Ladung. Die wurden vom Schiffer per Schubkarre über die schwankenden Planken hinweg ins Schiff geladen. Geholfen hat ihm dabei meist seine Frau, die sich ein Seil schulterte und die Karre von vorn zog. So, wie sie aufgeladen wurden, mußten sie in Berlin auch wieder abgeladen werden.
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© Edition Luisenstadt, Berlinische Monatsschrift Heft 5/1996
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