Eine Rezension von Jens Helmig
Es gibt keinen größeren Verdienst, als die Thora zu verherrlichen
Zwi Braun: Drei Minuten Ewigkeit. Gedanken zum Wochenabschnitt
Selbstverlag, Zürich 1997.
Die jüdische Religion ist für viele Nichtjuden ein weitgehend unbekanntes Feld. Aus bekannten Gründen gestaltet sich die Annäherung an dieses faszinierende Gebiet humanistischen Denkens und ethischen Lebensvollzuges gerade in Deutschland als schwierig. Es existiert natürlich eine unüberschaubare Fülle an Büchern zu diesem Thema, doch sind diese entweder inhaltlich hochgradig spezialisiert und setzen großes Vorwissen voraus oder sie sind eher deskriptiv gestaltet, und die eingenommene Perspektive ist häufig die einer hinsichtlich ihres hermeneutischen Standpunktes unspezifisch gehaltenen Außenansicht. Das Erscheinen des an dieser Stelle vorzustellenden Buches von Zwi Braun bildet eine willkommene Ausnahme. Bevor das Buch im Detail dargestellt werden kann, müssen zunächst einige Besonderheiten der rituellreligiösen Gebräuche des Judentums erläutert werden.
Die jüdische Religion ist eine Buchreligion, was zunächst nichts anderes bedeutet, als daß sich die religiöse Lebensanweisung nicht in Form ein Katechismus zusammenfassen läßt, sondern unmittelbar aus der schriftlichen Offenbarung selbst entnommen werden muß. Das dem Judentum zugrunde liegende Buch ist die Thora. Sie umfaßt nicht die gleichen Texte wie das Alte Testament des Christentums, was häufig irrtümlich angenommen wird. Jeder Jude ist verpflichtet, sich sein Leben lang mit der in der heiligen hebräischen Sprache geschriebenen Thora zu beschäftigen. Darüber hinaus werden am Schabbat zweimal, montags und donnerstags jeweils einmal, Teile der Thora in der Synagoge öffentlich vorgelesen. Dies geschieht dergestalt, daß im Laufe eines (jüdischen) Kalenderjahres die gesamten fünf Hauptbücher der Thora verlesen werden. Die jeweiligen Texte werden Wochenabschnitte genannt. Nach dem Verlesen des letzten Wochenabschnittes eines Jahres beginnt man noch am selben Tag erneut mit dem ersten Teil des Schöpfungsberichtes. Der Kreis hat sich geschlossen. Zwi Brauns Buch kommentiert diese feststehenden Textabschnitte der Thora in chronologischer Ordnung und verhilft dem Leser zu einem tieferen, rabbinischen Verständnis der als heilig verstandenen Texte. Der Autor zeigt in seinen Kommentaren und Interpretationen einen Weg in die Tiefen des jüdischen Denkens, historische Exkurse erweitern das Buch zu einer informativen Lektüre. Für viele Leser vielleicht überraschend, erschließt sich der antike Text durch die lebensnahen Kommentare Zwi Brauns als durchaus modernes ethisches Kompendium zu einer Vielzahl von moralischen und religiösen Fragen, die den Menschen unserer Zeit ebenso angehen wie die Gläubigen der vergangenen Jahrhunderte. So finden Fragen nach dem Umweltschutz ebenso Beachtung wie Überlegungen zum Verhältnis der Geschlechter zueinander, der Kindererziehung und der Familienpsychologie. Vor allem jedoch erweist sich das Judentum als eine Religion des mündigen Menschen, sie betont, stärker als das aus ihr hervorgegangene Christentum, die freie Wahl für oder gegen ein moralisches Handeln. Die Thora gibt Anleitungen, die interpretiert und beständig neu überdacht werden müssen, um sie den modernen Lebensverhältnissen anzupassen, jedoch ohne die universalzeitlosen Aspekte des Menschseins außer acht zu lassen. Das Judentum erweist sich als Religion des Lernens und dieses nicht nur aus dem einen Buch; es hält den Menschen an, sich beständig neu zu überdenken, sich immer wieder selbst in Frage zu stellen. Nach der Lektüre des empfehlenswerten Buches erkennen die Leser genau in diesem Aspekt den Sinn der beständigen und immer weiter vertiefenden Lektüre der Wochenabschnitte. Sie dienen keinem anderen als genau dem Zweck, unser Wissen von uns selbst und dem anderen im Mitmenschen zu erfahren und im steten Dialog immer weiter zu vertiefen.
Da das Buch im Selbstverlag erschienen ist, muß es direkt in der Schweiz bestellt werden.