Eine Rezension von Licita Geppert
Kritiken eines Theater-Fremdlings
Theodor Fontane: Die Saison hat glänzend begonnen
Theaterkritiken. Herausgegeben von Peter Goldammer.
Aufbau-Verlag, Berlin 1998, 207 S.
Der Aufbau-Verlag macht in letzter Zeit immer wieder durch gelungene Buchausgaben von sich reden, ganz zu schweigen von den Buchsensationen Victor Klemperer oder Alfred Kerr. Dieses liebevoll aufgemachte, schmale Fontane-Bändchen wird es etwas schwerer haben, sich Geltung zu verschaffen in einer Zeit prosperierender Fontane-Editionen. Es ist aber durchaus beachtlich, was dem Leser serviert wird. Fontane als Theaterkritiker entspricht mit Sicherheit nicht den gängigen Vorstellungen, die man sich gemeinhin über ihn macht.
Den Kritiken vorangestellt sind die wenigen Seiten des letzten, unvollendet gebliebenen Abschnitts seiner Autobiographie. Sie sollten den Titel Kritische Jahre - Kritiker-Jahre tragen. Fontane selbst betrachtete seinen Lebensabschnitt zwischen 50 und 70 Jahren in dieser Weise. Von 1870 bis 1890 saß er regelmäßig im Auftrage der Vossischen Zeitung (dies war nach seiner Kündigung bei der Kreuzzeitung notwendiger Broterwerb) im Königlichen Schauspielhaus, stets auf dem exponierten Parkettplatz 23, und betrachtete und bewertete die dort aufgeführten Stücke von Sophokles bis zu seinen Zeitgenossen. Mehr als 600 Kritiken entstanden in dieser Zeit. 50 davon wählte Peter Goldammer sorgfältig aus, wobei er den Gegenstand der Kritik und den beliebten Fontaneschen Plauderton zum Kriterium erhob. Waches Empfinden, Gespür für Stimmungen und Details, für den Sinn oder Unsinn eines Stücks, einer Inszenierung oder einer Darstellungsweise zeichnen Fontane, den Theaterenthusiasten, aus. Seine Rezensionen erregten durchaus die Gemüter. Glaßbrenner schalt ihn aufgrund einer mißliebigen Kritik in Anspielung auf sein Kürzel Th.F. fortan als Theater-Fremdling. Für die Vossische Zeitung aber war ein Mann wie Fontane, eine Künstlerpersönlichkeit mit großem Renommee, auch bei Hofe, als unbestechlicher Beobachter im Königlichen Schauspielhaus ein großer Gewinn. Wie auch in seinen Reisebüchern gelingt es dem Kritiker, seine Eindrücke dem Leser nahezubringen, ihn einzubeziehen in die Welt des Stückes, ihn teilhaben zu lassen an den großen, erhebenden oder auch skurrilen Momenten der Aufführung, an den Eigenheiten der Darsteller. Er wußte die Qualität eines Stückes genau zu bewerten, verzweifelte daher auch manches Mal am Berliner Theateralltag, besonders bei zeitgenössischen Stücken: Ich danke für Obst. Fontane zeigt aber auch, wie eine gute Inszenierung die literarischen Schwächen eines Stückes vergessen machen kann, wie die Macht des überlieferten Stoffes einerseits, die Gestaltungskraft des modernen Poeten andererseits, zu ihrem Recht kamen. Berühmte und weniger bekannte Schauspieler werden zu neuem Leben erweckt, ganze Stücke entstehen vor dem geistigen Auge des Lesers; mit Treffsicherheit und einer guten Portion Witz und Humor zieht uns der Theaterkritiker auch heute noch in seinen Bann. So wird zu Literatur, was als Momentaufnahme gedacht war.
Das Nachwort des Herausgebers ist hilfreich bei der Einordnung der Kritikertätigkeit Fontanes in dessen übriges Schaffen. Es enthält Hinweise auf seine Lebensumstände, seine Neigungen und Interessen, seine Wandlung vom begeisterten Theaterbesucher seiner Jugend zum reifen, immer noch theaterbegeisterten Kritiker im Alter. Das Personenregister ermöglicht dankenswerterweise die Entschlüsselung der aufgeführten Namen. Fontane- wie Theaterfreunde sollten sich dieses Buch nicht entgehen lassen.