Eine Annotation von Christa Niemann
Cameron, Anne:
Dreamspeaker
Arena Verlag, Würzburg 1996, 172 S.
Anne Cameron, eine kanadische Indianerin und Kämpferin für Frauenrechte, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Reportagen und Erzählungen. In Dreamspeaker schildert sie auf einfühlsame Weise das Leben eines kanadischen Jungen. Peter wird in ein Milieu hineingeboren, das von Drogen, Alkohol und Kriminalität gekennzeichnet ist. Für die abhängige Mutter zählt er nicht als Mensch, sondern nur als Person, deren Existenz zum Bezug von Sozialhilfe berechtigt. Er erfährt in den ersten Lebensjahren weder Liebe noch Zuneigung und beginnt frühzeitig, sich von der Außenwelt abzukapseln. Als Vierjähriger kommt er in die Obhut der Sozialbehörden. Da gibt es durchaus Menschen, die ihn mögen und ihm zu helfen versuchen. Da ist z. B. Anna, eine junge Sozialfürsorgerin, die ihn über Jahre hinweg auf einer Odyssee durch Pflegefamilien und Kinderheime betreut. Geprägt durch die negativen ersten Jahre seiner Kindheit, kann er auf deren Zuneigung nicht entsprechend reagieren. Er verschließt sich seiner Umgebung immer mehr, und niemand erfährt von den inneren Ängsten, die ihn seit frühester Kindheit quälen. Da er sich anderweitig nicht mitteilen kann, entlädt sich der Druck, den die Furcht in ihm erzeugt, von Zeit zu Zeit in Gewaltausbrüchen. Nach einer erneuten Heimeinweisung gelingt es ihm zu fliehen. Er findet Zuflucht bei einem alten Mann und dessen stummem Ziehsohn. Der Alte, ein indianischer Geistertänzer vom Stamme der Nootka, erkennt die Probleme des Jungen, und beide - er und der Stumme - nehmen sich seiner an.
Er lernt die Welt uralter indianischer Rituale und Weisheiten kennen. Erklärungen für seine in der Zivilisation geborenen Ängste finden sich in der Natur. Langsam lernt er mit seiner Furcht umzugehen und beginnt, sich anderen zu öffnen. In dieser Gemeinschaft deuten sich Möglichkeiten für die Lösung seiner Probleme an. Welche Lösungen allerdings auch möglich sind, wenn Bürokratie ins Spiel kommt, zeigt der Ausgang der Erzählung.
Ein anrührendes und zugleich aufrüttelndes Buch, das es sehr wert ist, gelesen zu werden.