Eine Annotation von Michael Dingel
Aitmatow, Tschingis:
Kindheit in Kirgisien
Unionsverlag, Zürich 1998, 160 S.
Titel, Rückseiten- und Klappentext weisen eindeutig auf eine autobiographische Erzählung hin. Erst auf Seite 21, in der Vorbemerkung des Herausgebers und Übersetzers Friedrich Hitzer, erfahren wir, worum es tatsächlich geht: Der Autor erzählte, sein Übersetzer zeichnete das gesprochene Wort auf, und Aitmatow ergänzte und redigierte den Text für die Veröffentlichung.
Natürlich verdienen auch diese Erinnerungen des Autors, der mit Romanen und Erzählungen wie Dshamilja, Der erste Lehrer, Der Richtplatz, Der Tag zieht den Jahrhundertweg und anderen Weltruhm errang, Aufmerksamkeit. Doch wenn man sich vorstellt, wie der echte Aitmatow die schweren, aber auch auf eine unverwechselbare Art schönen Jahre seiner Kindheit literarisch hätte gestalten können, bleibt Enttäuschung nicht aus.
Aufgewachsen im Zweiten Weltkrieg, hatte er als vierzehnjähriger Sekretär des Dorfsowjets Aufgaben zu übernehmen, die sogar einem Erwachsenen alles abverlangt hätten. Sein Vater und auch ein Onkel wurden Opfer stalinistischen Terrors. Warum nur enthält sich der Erzähler jeglicher Wertung dieser gerade für ein Kind furchtbaren Erlebnisse? Dem gegenüber stehen etliche kurze, humorvolle Episoden. Da ist beispielsweise die Geschichte, wie der kleine Tschingis zu seinem ersten Honorar kommt, eine Begegnung mit Wölfen, die doch gut ausgeht, oder diejenige, wie er den Mann seiner Tante auf die Fuchsjagd begleitet und - fasziniert von dem schönen Tier - um den Erfolg bringt.
Die Geschichte einer verbotenen Liebe im Dorf erweist sich als der Kern der Novelle Dshamilja, und wir sind Zeuge der Begegnung Aitmatows mit seinem Jugendfreund Sejtaly, dem Vorbild für Der Erste Lehrer.
Dem Bändchen vorangestellt sind Familienfotos, und den Schluß bilden bislang verschollene Manuskripte - nein, keine literarischen, sondern die des Zootechnikers Aitmatow aus den fünfziger Jahren.
Der Eindruck, daß der Diplomat Aitmatow - zu erst Botschafter der UdSSR, dann Rußlands in Luxemburg, jetzt Botschafter seines Landes Kirgisien in Belgien - dem Schriftsteller Aitmatow im Weg steht, wird leider bestätigt. Seine Leser warten weiterhin auf einen neuen Roman. Vergeblich?