Eine Rezension von Helmut Hirsch

Vier komische Typen und ein Pappkarton

Graham Swift: Letzte Runde

Roman.

Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk.

Carl Hanser, München 1997, 326 S.

Der Londoner Metzgermeister Jack Dodd ist gestorben. Testament kann man den kleinen Zettel nicht nennen, auf den er seinen letzten Wunsch notiert hat. Er wünschte sich, daß seine Asche im Seebad Margate vom Ende des Piers aus ins Meer geschüttet werden soll. Seine Frau, die noch vor kurzem glaubte, draußen in Margate werde es den kleinen ruhigen Alterssitz geben, ist konsterniert. Und sie bringt es nicht fertig, die Reise der vier Freunde - zwischen ihnen Jacks Asche - mitzumachen. Der Leser hingegen wird von der Komik dieses Romans sofort angezogen. Zuerst sitzt Ray Johnson, Versicherungsagent, der eigentlich Jockey werden wollte, in der Kneipe. Nach und nach kommen die drei anderen hinzu. Vince, der Gebrauchtwagenhändler und Jack Dodds Adoptivsohn, Lenny, einst Boxer und nun Gemüsehändler, und zuletzt erscheint Vic Tucker. Es scheint die reine Selbstverständlichkeit, daß er als Bestattungsunternehmer den Karton mit dem Plastikbehälter, in dem Jacks Asche ruht, mitbringt.

Schnell haben sich die vier Freunde an die etwas ungewöhnliche Situation gewöhnt. Sie wissen, in London herrscht Grabstellenmangel (was der Verstorbene auch wußte), also ist das Aschestreuen ins Meer modern geworden. Das Ziel der Reise ist bekannt, und so kann Mister Dodds letzte Fahrt beginnen. Zuerst geht es durch die Londoner Innenstadt, dann die Außenbezirke. Und überall Gedächtnis- und Erinnerungsstellen für Jack, für jeden, der mit im Auto sitzt. Viel wird erzählt auf dieser Fahrt, doch mehr noch wird geschwiegen. Doch gerade aus diesem Umstand bezieht der Erzähler Graham Swift seinen Stoff. Er handhabt ihn mit Witz und Ironie, immer wieder durchwoben von Sarkasmen, denn das Leben Dodds wie auch das seiner Freunde ist so beschaffen, daß der Wunsch nach einem ganz anderen Leben nie vergeht. Der Roman ist nicht hintereinander erzählt, sondern zerfällt, wie das Leben seiner Protagonisten, in viele kleine Kapitel, die vor allem von der Vergangenheit erzählen. Und nicht selten haben die Freunde, die sich auch heftig attackieren können, nicht den Mut, das Gedachte oder das Erinnerte direkt zu sagen. Das Gedachte wird dann sehr oft als Monolog oder Ich-Erzählung, auch als eine Art Collage von Ausgesprochenem und Zurückbehaltenem, dargeboten.

Auf die knappste Formel ihrer Ereignisse reduziert, besteht diese Fahrt nach Margate aus zwei Umwegen, einer Schlägerei, einem Besäufnis und einem Beinahedurchnäßtsein. Doch ist schon daraus zu ersehen, daß es holprig und verschwommen zugeht. Der Erzähler Graham Swift würdigt das schrullig-aggressive Häufchen im kürzesten all seiner Kapitel mit den drei Worten: „Diese alten Knacker.“

Ihre Dialoge sind profan, oft närrisch-läppisch. Kein Wunder, denn es gibt im Leben, im verflossenen, zwar ein paar nennenswerte Ereignisse, doch wer sie im Innern eigentlich richtig sind, bleibt diesen Burschen weitgehend unbekannt. So erinnern sie pausenlos Szenen, in denen Jack vorkommt, Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, Situationen im Arbeitsleben und im wechselvollen Job-Alltag. Auf einer Fahrpause, sie halten an einem Kriegerdenkmal, zeigt sich besonders deutlich, daß sie Schwierigkeiten miteinander haben. Doch da ihnen der verstorbene Jack Dodd noch so nah ist, konzentrieren sie sich und lassen den Karton mit seiner Asche nicht aus den Augen. Bei einem zweiten Halt dreht Vince durch und rennt mit der Urne davon. Verstreut probeweise einen Teil der Asche. Hier ein bißchen erzählt, da ein bißchen verstreut, es entspricht dem Erzählprinzip Swifts. Und das ist sehr kaleidoskopisch und komisch. So entstehen Lebensbilder, Versuche zu Biographien. Der Blick auf den einzelnen enthüllt weit mehr als das oft gewalkte Zusammensein aller. So entsteht eine Spannung zwischen den Innen- und Außenräumen der Figuren. Der Leser erfährt von den Gerüchen im Fleischauto bei vergangenen Sonntagsausflügen, von den Fahrten des Gebrauchtwagenhändlers, der nicht nur alte Modelle probiert, sondern auf dem Rücksitz mit seiner Freundin lustvollen Vergnügungen frönt. Daß ein Autohändler die Welt sich ohne Autos nicht vorstellen kann, ist einsehbar, daß ein Leichenbestatter seine Grabstelle schon gekauft hat, als diese noch billiger waren, ebenso verständlich. Auch daß ein solcher Mann über Tote mehr weiß, kein Wunder. Aber der Umgang macht den Menschen, bestimmt die Qualität seiner Erfahrungen. Vic also nennt seinen Beruf einen guten Beruf: „Er ist nicht dazu da, damit man billig einkauft und teuer weiterverkauft oder dem nächsten Trottel etwas aufschwatzt, was er nicht braucht. Niemand will es haben, jeder braucht es. Es gibt in jedem Beruf Gauner, und die schlimmsten Gauner sind die, die das Unglück eines anderen Menschen ausnutzen.“ Geradezu eine Ehre ist es ihm, diesen Beruf auszuüben, denn man „sieht die Menschen, wenn sie am schwächsten sind und am stärksten“. Zudem ein Beruf, bei dem auch ein Scherz „durchaus angebracht“ ist, ein Beruf aber auch, in den man „hineinwachsen“ muß, der möglichst vom Vater an den Sohn weitergegeben werden muß.

Eigentlich sind dem Erzähler all diese Lebenssplitter, Erfahrungen und Ansichten, Skurrilitäten und Welt-Erklärungen das wichtigste in diesem Roman. Man kennt sich mit Namen und gibt dem andern doch gern einen andern. Denn das ist der Anfang aller Einsicht. Leben ist Spiel, erzählen - die spielerischste aller Erfahrungen. Es gibt alte und ganz himmlische Schrottplätze, und was einer gern tun möchte, kann er in der Schule noch lange nicht wissen. Doch hier wird auch vom Zwang zum Beruf erzählt, davon, wie viele bis zum Lebensende so tun müssen, „als ob er genau das wäre, was du bist“.

Die Letzte Runde handelt vom Ende und von den vielen verschiedenen Anfängen. Auch von denen, die keinen richtigen oder einen mißglückten Anfang hatten oder denen der Krieg ein jähes Ende brachte. Den Figuren des Romans ist oft ein bißchen unheimlich zumute, aber weniger fürchten sie die Tücken des Alltags als vielmehr, daß sie „als Menschen in sich selber festsitzen“.

Der Erzähler hat viele Nuancen bereitgestellt, um diesem Wirrwarr immer noch etwas Licht beizumischen. Und wenn einer seiner Protagonisten nicht weiterweiß, endet einfach das Kapitel, und der nächste ist wieder dran. Der Roman wird so auch zum Dreh-Spiel. Erlebnisse und Einfälle werden hineingeschleudert, und mitunter verschwimmen im regen Wechsel ihres Erscheinens die Figuren selbst miteinander, kommen noch schöne und knappe Naturbilder hinzu, die alles wieder neu einstimmen. Aus dem fahrenden Auto sehen sie „eine Art Rille aus Sonnenschein, ein Riß im Himmel, aber in unserer Nähe zieht eine große, weiche, rußfarbene Wolke heran. Die Erde riecht nach Frühling, die Luft riecht nach Winter.“

Denken ist nicht gleich sprechen, und so wie das Leben ausspart, kann es auch das Erzählen. Als der Gebrauchtwagenhändler noch ein Dreikäsehoch war, war sein Held Gary Cooper, einst war das Heer die Pflicht, jetzt ist alles privat.

Zum Schluß des Romans Letzte Runde geht es fast feierlich zu. Die vier Freunde stehen am Strand in Margate und verstreuen Jacks Asche. Keine Feinheit bleibt unerwähnt, alles ist wichtig. Daß die Asche weich und gleichzeitig körnig ist, fast weiß wie der Sand am Strand. Das Ritual verlangt, daß alle gleichzeitig die Asche in ihrer Hand dem Meer übergeben. Es muß bedacht und maßvoll zugehen, man kann nicht einfach in die Urne hineinlangen. „Es ist im ganzen nicht sehr viel mehr, als was vier Männer zweimal in der hohlen Hand halten können.“ Jeder ist ganz bei seiner Arbeit, er schöpft und schabt den Rest der Asche „wie ein Tier, das sich seine Höhle gräbt, und ich weiß, daß ich zu guter Letzt die Dose umdrehen und dann draufhauen muß, wie man das bei einer fast leeren Schachtel Cornflakes macht“.

Am Ende wissen Jacks Freunde, allesamt nicht mehr die Jüngsten, daß auch ihnen dies bevorsteht. Fast wie ein Naturereignis sehen sie die wegfliegende Asche, zugleich fällt ihr Blick hinüber „zum Traumland“ des Seebades Margate. Möge Jack Arthur Dodd ihre Seelen retten, „bis die Asche zu Wind wird und der Wind zu Jack, woraus wir gemacht sind“.

Mit diesem elementaren Bild endet der Roman Letzte Runde. Erzählt mit einer kräftigen Prise englischen Humors, der viele Schattierungen kennt. Ray, der Versicherungsagent, ahnt es, und er weiß es schon früher, diese Pilgerfahrt hat ihre Teilnehmer verändert. Es ist, „als wären wir nicht mehr dieselben, die heute morgen aus Bermondsey weggefahren sind“.


İ Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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