Eine Rezension von Lili Hennry

1001 Art sein Glück zu machen

Daniel Defoe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders

Roman.

Deutsch von Johann Mattheson.

Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, 352 S.

Der komplette Titel des Buches lautet: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders die, in Newgate geboren, nebst ihrer Kindheit in sechzig wechselvollen Jahren Dirne war, fünfmal heiratete, darunter ihren Bruder, zwölf Jahre lang stahl, acht Jahre deportierte Verbrecherin in Virginien war, schließlich reich wurde, ehrbar lebte und reuig starb. Beschrieben nach ihren eigenen Erinnerungen. Damit ist ihre atemberaubende Geschichte bereits in groben Zügen umrissen. Das Leben Daniel Defoes (1660-1731), des Autors dieser Geschichte, stand dem seiner Heldin in keiner Weise nach. Geboren in den Wirren der Zeit des nachrevolutionären Englands durchlitt er alle Höhen und Tiefen. Er war Kaufmann, Fabrikant, Journalist, Spion der Regierungsgegner und späteren Regierung, erlebte Aufschwung und Bankrott, Schuldgefängnis und politische Haft. Sein Wagemut war oftmals größer als seine Besonnenheit, was auf viele seiner Aktivitäten zutraf. Sein mutiges und bisweilen radikales Eintreten für die Bürgerrechte allerdings behielt er - allen Widrigkeiten zum Trotz - zeitlebens bei, wurde sogar zeitweilig zum Volkshelden. Diese politischen Ambitionen verbanden sich mit ästhetischen Interessen, wodurch seine journalistische Tätigkeit beflügelt wurde. Seine Romane, deren berühmtester Robinson Crusoe ist, sind jedoch nur späte „Abfallprodukte“ des journalistischen Schaffens, das mehr als hundert einzelne Schriften, Bücher und Pamphlete und dazu Hunderte von Artikeln umfaßt.

Seine Lebenshaltung färbt auch auf seine Heldin, Moll Flanders, ab. Hinter den Floskeln der Biederkeit und Bürgerlichkeit verbirgt sich ein lebenshungriges und lebenslustiges Frauenzimmer, dem als Ausgleich für seine durch die Armut erzwungenen ungesetzlichen Handlungen, die fast mit dem Tode enden, puritanisch-bürgerliches Denken in den Mund gelegt wird. Moll Flanders ist mit Glück gesegnet und gleichzeitig doppelt vom Leben bestraft: Ihr Lebensweg begann in Newgate, dem berüchtigten Gefängnis, und hätte später dort auch bei nahe sein unrühmliches Ende gefunden. In der Zwischenzeit aber erlebte sie in ihrer Kindheit trotz ihres Waisendaseins Wärme und Zuneigung und bescheidenen Wohlstand im Hause von Pflegeeltern, während ihrer Zeit als Diebin feierte sie zwölf Jahre lang große Erfolge, bevor sie schließlich gefaßt wurde. Auch in dieser Zeit lernte sie Liebe, Zuneigung, Freundschaft und - selten - Wohlstand kennen, bis die Armut sie immer wieder zu neuen Diebstählen veranlaßte. Ihre Abenteuer wurden in lockerer Folge episodenartig aneinandergereiht. So entstand eine atemberaubende Schilderung der urkomischsten Varianten, sich durch Diebstahl am Leben zu erhalten, unterbrochen durch meist nur kurzfristig erfolgreiche, aber ebenso komischernsthafte Versuche, den Lebensunterhalt durch Heirat zu sichern. Jedesmal bedient sich Moll dabei ihrer Klugheit und ihrer weiblichen Reize gleichermaßen. So paart sich brave Bürgerlichkeit Moll Flanders mit einer gehörigen Portion Abenteurertum. Letztere Elemente können dem Schelmenroman zugerechnet werden. Gerade hier setzt aber bei Defoe trotz aller Komik die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen an. Als Frau, Tochter einer Verbrecherin, im Gefängnis geboren und zur Armut verurteilt, blieb ihr nur eine legale Möglichkeit, zu Geld zu gelangen, die Ehe. Eine bürgerliche Heirat jedoch war ihr wiederum aufgrund ihrer Herkunft verwehrt. Ihr persönlicher Ausweg aus diesem Dilemma ist zeittypisch, aber keineswegs nur auf Frauen beschränkt.

Entgegen der eigenen Kenntnis der Zustände läßt Defoe seine Heldin am Schluß ihres Lebens zu Geld und Ehrbarkeit gelangen, ihre Lebenserinnerungen werden aus einer Perspektive der Reue geschrieben und vielfach von aufgesetzten moralisierenden Reflexionen begleitet. Dem deutschen Übersetzer Johann Mattheson war die Schlußwandlung der Moll Flanders noch nicht deutlich genug. Er ergänzte seine aus heutiger Sicht überaus reizvolle Übersetzung aus dem Jahre 1723 um ein glanzvolles Kapitel der Sittsamkeit und des ehrbaren Lebens nach der Rückkehr Molls aus der Deportation. Die vorliegende Fassung hält sich jedoch an das Original. Verfaßt im Jahr 1722, endet die Lebensbeschreibung der Moll Flanders mit dem Satz „Geschrieben im Jahre 1683“, mithin erlebt der Leser eine Reise durch die Alltagsgeschichte der unteren Schichten im England des 17. Jahrhunderts. Wer sich für diese Zeit interessiert und überdies Spaß an abenteuerlichen Schilderungen hat, dem wird das Buch auch noch 275 Jahre nach seinem Erscheinen Spannung und Lesefreude bereiten.


© Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

zurück zur vorherigen Seite