Eine Rezension von Sven Sagé

Schlimme Schminke

Peter Harry Brown/Pat H. Broeseke: Elvis

Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr u. a.

Engelhorn Verlag, Stuttgart 1997, 483 S.

„Die Ente“ war nicht nur ein klappriges französisches Automobil. „Ente“ trug man. Wie Elvis „Ente“ trug. Das im Nacken etwas längere Haar von links und rechts zur Mitte des Hinterkopfs gekämmt. So sahen Rebellen in den Fünfzigern aus. Elvis stärkte allen Rebellierenden den Rücken im Widerstand gegen Eltern, Lehrer und Lehrmeister. Der Rebellenführer war kaum älter als sein Gefolge. Die Gleichaltrigkeit machte die Rock ‘n’ Roller zur verschworenen Gesellschaft. The King mischte sich gern unter die Massen und ließ sich mit seinen Fans fotografieren. Das stiftete Gemeinsamkeit. Von ihr profitierten Person und Publikum. Elvis Presley war für alle da. Alle waren für Elvis da. Presleys Person war bestens geeignet, den Graben zwischen den Geschlechtern einzuebnen. Der Nerv einer neuen Generation war getroffen. Der Generation, die sich von den männerdominierten Weltkriegsgenerationen distanzierte.

Elvis Presley war nicht nur ein musikalischer Rebell. Presley war ein erotischer Rebell. Bis heute bemühen sich alle beflissenen Biographen zu betonen, daß der weich, auch weiblich wirkende Hüftschwinger nicht bisexuell, garantiert nicht homosexuell war. Auch die jüngsten Biographen, Peter Harry Brown und Pat H. Broeseke, beeilen sich, die sexuelle Korrektheit des Idols zu bestätigen.

Zugleich verhehlen sie nicht, daß der Sonnyboy Gefallen fand an Schminke, Verkleidungen und den Transsexuellen der Pariser Szene. Aber was sagt das? Wem sagt das was? Die Autoren tun derartige Eskapaden des ersten Welt-Fernseh-Stars mit wenigen Sätzen ab.

Das Elvis-Buch von Brown und Broeseke ist eine Biographie amerikanischer Machart. Also eine fragwürdige Melange aus Authentischem und Möglichem. Die meist peinlichen wörtlichen Reden sind sicher Produkte der Phantasie der Publizisten. Den Gipfel der Geschmacklosigkeit erreichen die Verfasser in dem Kapitel, in dem sie die Sterbestunden von Gladys, der Mutter Presleys, schildern.

Der Tod wird zu einer Soft-Opera-Szene, wie viele Episoden der Biographie. Das Kapitel macht exemplarisch den Mangel an Sensibilität deutlich. Auf sie berufen sich die beiden Presley-Biographen ständig und verfehlen sie ständig. Sensibilität wäre aber die Voraussetzung gewesen, „die Biographie“ zu schreiben, als die sie das Buch ausgeben. Nur wer über die fortwährend bedrängte und beleidigte, verletzte und vernichtete Sensibilität des Menschen spricht, der Elvis Presley hieß, wird d i e Biographie verfassen.


© Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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