Eine Rezension von Eberhard Fromm

Zeugen des Jahrhunderts

Rudolf Augstein: Macht und Gegenmacht. Lamuv, Göttingen 1992, 103 S.

Hildegard Hamm-Brücher: Mut zur Politik. Lamuv, Göttingen 1993, 144 S.

Wolfgang Hildesheimer: Ich werde nun schweigen. Lamuv, Göttingen 1993, 128 S.

Seit 1978 läuft im Deutschen Fernsehen die Sendereihe „Zeugen des Jahrhunderts“. In dieser Gespräche-Reihe werden Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebensbereichen vorgestellt: Künstler und Politiker, Journalisten und Wissenschaftler, aber immer Zeitgenossen, die über ihr Leben und ihre Zeit unser 20. Jahrhundert reflektieren.

Aus dem Material dieser Sendungen hat der Lamuv Verlag in Göttingen eine Buchreihe entwickelt. Herausgegeben von Ingo Hermann, wird hier nicht einfach die jeweilige Sendung als Buchtext wiederholt, sondern Grundlage für die Buchfassung bildet das gesamte Material des Gesprächs, also auch nichtgesendete Teile. Da es bereits in der Sendung weniger um ein konfrontatives Interview als um einen nachdenklichen Diskurs geht, gibt auch die Buchfassung die Möglichkeit, in unterschiedlicher Weise den jeweiligen Zeitzeugen und seine Zeit kennenzulernen. Da die Aussagen aller Beteiligten einen hohen Informationswert haben und einige der Gesprächsteilnehmer in den letzten Jahren bereits verstorben sind, sind diese Gespräche tatsächlich „zu Dokumenten geworden, die das 20. Jahrhundert mit seinen Errungenschaften, aber auch mit seinen Katastrophen, seinen Kriegen und seinen Verbrechen spiegeln“, hob der Herausgeber Ingo Hermann in einer Nachbetrachtung zur Reihe hervor.

Im Mittelpunkt von Rudolf Augsteins Macht und Gegenmacht (das Gespräch, das Beate Pinkerneil führte, wurde im Oktober 1988 aufgezeichnet) steht natürlich das Schicksal des Magazins „Der Spiegel“. Der Begründer und Herausgeber Rudolf Augstein (Jahrgang 1923), als ein „positiver Zyniker“ vorgestellt, erzählt hier vor allem vom Beginn seines Magazins, das er als ein „Sturmgeschütz der Demokratie“ verstanden wissen wollte, und beschreibt unter diesem Aspekt wichtige Entwicklungsetappen der jungen bundesdeutschen Demokratie. Das waren insbesondere die Person des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer - ein „grundsatzloser Machtmensch“ (S. 53) -, der Konflikt mit Franz Josef Strauß, der ja bis zur Verhaftung Augsteins reichte, das Problem der deutschen Einheit und einige Erfahrungen mit Persönlichkeiten wie Herbert Wehner und Heinrich Böll. Als eine Leistung des „Spiegels“ hebt Augstein hervor, daß die Leute begriffen, „daß man der Obrigkeit durch Zusammenrottung entgegentreten kann“. (S. 60) Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß Augstein sich gegen die Meinung ausspricht, die Intellektuellen hätten an Bedeutung verloren oder gar ausgespielt. - Anmerkungen zum Text und eine Liste der Veröffentlichungen Rudolf Augsteins ergänzen den Text.

Auch bei Hildegard Hamm-Brüchers Mut zur Politik (das Gespräch, geführt von Carola Wedel, wurde Anfang 1992 aufgezeichnet) geht es weniger um das private Leben der FDP-Politikerin als um die Stationen ihres politischen Wirkens. Hildegard Hamm-Brücher (Jahrgang 1921) stammt aus einer Juristenfamilie. Nach dem frühen Tod der Eltern lebte sie mit ihren vier Geschwistern bei der Großmutter in Dresden, die 1943 den Freitod wählte, als sie ins KZ Theresienstadt gebracht werden sollte. Nach dem Chemiestudium in München bei dem Nobelpreisträger Heinrich Wieland geriet Hildegard Hamm-Brücher nach 1945 in die journalistische Arbeit, wo sie mit dem Schriftsteller Erich Kästner zusammenarbeitete, und von dort in die Politik. Als Münchner Stadträtin, im Bayerischen Landtag, im Hessischen Kultusministerium, im Bundestag, als Staatssekretärin bzw. als Staatsminister in der Bundesregierung profilierte sie sich vor allem als Bildungspolitikerin. Immer wieder war sie darum bemüht, aus der Schule als einer bloßen Einrichtung zur Vermittlung von Wissen eine „Lern- und Lebensgemeinschaft“ zu machen, „in der eingeübt wird, wie man zusammenleben kann ...“ (S. 37) Deshalb bedauerte sie es auch, daß nach 1990 das ganze Schulsystem der DDR „einfach in den Abfalleimer geworfen wurde“. (S. 84) Mehrfach wird von den Defiziten der Demokratieentwicklung in der Bundesrepublik gesprochen. Nicht zuletzt deshalb setzte sich die Politikerin nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 für einen Neuanfang auf beiden Seiten ein. Doch skeptisch heißt es dazu: „Ich fürchte, dies ist eine Illusion!“ (S. 17)

In ihrem politischen Wirken wollte sie stets ein paar Spuren hinterlassen. Kritisch setzt sie sich mit dem Vertrauensverlust der Politiker, mit fehlendem demokratischem Engagement und politischen Wendungen in der eigenen Partei auseinander. So engagiert die FDP-Politikerin von ihrem politischen Wirken berichtet, so zurückhaltend ist sie im privaten Bereich, geht es ihr in diesem Gespräch doch darum, „das Bedachte, Getane, Erlebte einzuordnen in unsere Zeitgeschichte“. (S. 92) - Im Anhang wird der Leser mit den wichtigsten Lebensdaten und den Veröffentlichungen von Hildegard Hamm-Brücher vertraut gemacht. Lediglich die Anmerkungen sind etwas zu knapp und oberflächlich geraten.

Das Gespräch mit Wolfgang Hildesheimer: Ich werde nun schweigen nahm Hans Helmut Hillrichs im September 1989 auf. Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (geboren am 9.Dezember 1916) starb am 21. August 1991 in der Schweiz. Er verstand sich als ein Zeuge für und gegen sein Jahrhundert und erzählt aus seinem bewegten Leben: Emigration 1933 nach Palästina, Aufenthalte in England und Frankreich, Dolmetscher und Herausgebertätigkeit bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen 1946 bis 1949, Aufenthalt in Deutschland und dann 1957 die Übersiedlung in die Schweiz. Er fühlte sich in dieser Welt nie ganz zu Hause, aber - so seine Aussage - er habe sich in ihr eingerichtet.

Hildesheimer begann frühzeitig als Bildkünstler - 1945 gab es in Palästina seine ersten Ausstellungen - und publizierte erste größere schriftstellerische Arbeiten erst seit den fünfziger Jahren (Romane, Theaterstücke, Hörspiele). Seine bekanntesten Bücher sind Tynset (1965), Mozart (1977) und Marbot (1981). Hildesheimer verstand sich als ein Anhänger des Unbewußten: „Aber es ist natürlich doch so, daß der Schriftsteller im Unterschied zum Publizisten über die Sache direkt nicht schreibt, sondern bei ihm muß es eben durch lange Wege des Unbewußten gegangen sein, bis es in irgendeiner, wenn man will, sublimierten Form wieder zu Tage tritt.“ (S. 30)

Einen breiten Raum nimmt die Begründung einer pessimistischen Grundhaltung ein, die Hildesheimer in Anlehnung an Arthur Schopenhauer vertrat. Wie der Philosoph stand er mißtrauisch der Geschichte gegenüber, aus der man nichts lernen könne: „Geschichte ist das ewig Scheiternde, oder Geschichtsschreibung ist die Dokumentation des ewig Scheiternden.“ (S. 98) In Abwandlung eines Wortes von Adorno meinte er, daß man nach Auschwitz nur noch Gedichte schreiben könnte, denn: „Die Literatur hat versagt.“ (S. 37) Auch ihm habe es die Sprache verschlagen, als er erkannte, daß man über die Liebe schreibe, während in Wirklichkeit die Welt untergeht. Es werde keine Nachwelt mehr geben, keine Leser; man schreibe faktisch ins Leere. Daher kam also sein Entschluß, nicht mehr zu schreiben, sich nur noch über Bilder, Collagen u. ä. auszudrücken. - Im Anhang findet man als Ergänzung biographische Daten und ein Werkverzeichnis zu Hildesheimer.

Die Politikerin, der Journalist und der Künstler sind auf ganz eigene Art zu ihrem, zu unserem Jahrhundert befragt worden und haben dem Leser ihre subjektiven Antworten gegeben, die sich von ihrer Herkunft, ihrer Persönlichkeit und ihrem Schaffen her deutlich unterscheiden. Gerade die Subjektivität und die Vielfalt machen den Reiz der Sammlung aus: Es ist, als baue man an einem Mosaik, indem aus der Vielzahl der Ansichten und Erlebnisse das Bild unseres Jahrhunderts erwächst.


© Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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