Wiedergelesen von Waldtraud Lewin

Peter Weiss: Die Ermittlung, Viet Nam Diskurs, Gesang vom Lusitanischen Popanz

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991

ders.: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967

Peter Hacks: Die Sorgen und die Macht

Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1976

ders.: Moritz Tassow

Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1972

Wenn sie nicht gerade Calderon oder Shakespeare oder Brecht heißen, haben es Stückeschreiber nicht unbedingt leicht, mit ihren Werken Lesefutter zu liefern. Meist sind Dramaturgen und Regisseure die einzigen Beflissenen, die sich so ein Opus noch mal zur Brust nehmen, unter dem Aspekt, ob dergleichen wohl heutzutage noch oder schon wieder was Brauchbares abgibt auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Die Antwort fällt zumeist negativ aus, vor allem, wenn diese Elaborate nicht älter als dreißig Jahre sind. Viel zu jung für einen Klassiker, zu oldfashioned, um uns „heute noch was zu sagen“.

Mitte der sechziger Jahre hatten wir, sehen wir’s von heute aus, eine Hochblüte intelligenten Theaters und aufregender Aufführungen. Es bleibt im Kopf die Erinnerung an szenische Ereignisse, die wir heute unter Umständen mild belächeln würden, die uns aber damals vom Klappstuhl rissen. Nun flicht, wie wir wissen, die Nachwelt dem Mimen keine Kränze. Dem schon gar nicht. Tut sie dergleichen Nettigkeit dem Stückschreiber an? Noch weniger. Immerhin, Gedrucktes ist da.

In den vier Fällen, derer ich mich annehme, handelt es sich immer um politisch brisantes Zeit-Theater, um Auseinandersetzung mit der Welt. Es handelt sich, um es denn rundheraus zu sagen, ums Verteidigen des Sozialismus und der Umwälzung. Agit-Prop? Wie auch immer, hochkarätige Theatermacher wie Karl Paryla, Hanns Anselm Perten (um ganz willkürlich Namen herauszugreifen) nahmen sich der Texte an, drehten sie durch die Regiemangel, machten große Abende daraus.

Dem damals in Schweden lebenden Autor Peter Weiss, der vielen seiner Werke das durchaus stimmende Etikett „dokumentarisches Theater“ mitgibt, heute noch literarische Qualitäten abgewinnen zu wollen, bedarf es viel guten Willens. Die faszinierend recherchierten und dank der Hilfe großer Schauspielerpersönlichkeiten dann auch mitreißenden Texte wie etwa Die Ermittlung, Viet Nam Diskurs oder auch Gesang vom Lusitanischen Popanz sind nur noch unter dem Aspekt des Materials lesbar. Das war aufzumotzen, und das taten sie auf den Bühnen. Darüber hinaus aller Ehrenwert, von unbestechlicher Haltung und mustergültigem Engagement. Aber das klingt ja schon fast wie geschimpft ... Vom Strickmuster her kaum anders, aber durch Stoff und Einfall hervorstechend bleibt immer noch das Ding mit dem barocken Titel: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade.

Der Titel erzählt die Geschichte; der bizarre und theaterwirksame Einfall, von einer Truppe von Outlaws und Irren spielerisch vor der lüsternen Oberschicht die Belange der Französischen Revolution zu verhandeln und den tugend-streng-proletarisch seiner Zeit vorauseilenden Marat mit dem zynisch-nihilistischen Sade zu konterkarieren, ist nach wie vor des Rühmens wert. Die Elemente des Volkstheaters, der Posse, des Jahrmarkts und der Pantomime, die Verwendung von Musik und Grand Guignol machen uns die langen didaktisch-philosophischen Diskurse, in denen sich die Protagonisten ergehen, erträglich. Denn Weiss’ Stücke sind im herkömmlichen Sinn keine Theaterstücke. Es gibt keine Handlung und keine Entwicklung, der Konflikt entsteht nicht aus dem Gegeneinander der Protagonisten, sondern ist ein vom Autor postulierter, und die geistigen Gegner tun eigentlich nichts als Reden halten. Klamauk und Aufbruch, Aufbruch als Klamauk und eine handfeste plebejische Spiel-Lust als Gegenstück zur Rhetorik - so kommt heute daher, was vor einem Menschenalter so überaus modern wirkte. Alles ein bißchen ISKRAMAS (erinnern Sie sich noch an Mittas Leuchte, mein Stern, leuchte? - aber da sind wir schon wieder ein Stück weiter in Verweisen und Zuordnungen), ein bißchen Proletkult mit Köpfchen. Lesen muß man’s nicht unbedingt.

Ganz anders begegnet uns da ein Zeitgenosse, dessen heutigen Hervorbringungen wir noch immer mit unvermindertem Vergnügen verfolgen. Mitte der Sechziger brachte Peter Hacks die beiden einzigen „Gegenwartsstoffe“ innerhalb seiner Laufbahn als Stückeschreiber auf die Bühnen des Landes und erntete Aufsehen und Prügel genug: Die Sorgen und die Macht und Moritz Tassow.

Zunächst sei mit Genugtuung festgestellt, daß diese Stücke durchaus lesbar sind. Der sprachliche Anspruch, die witzige und zugleich erhabene Form, im Blankvers der französischen Tragédie sprechen zu lassen, die meisterliche Beherrschung der Form, die niemals naturalistische Abhandlung des Themas und nicht zuletzt die Figuren, die mit einem Bein auf dem Kothurn und auf dem anderen im Turnschuh daherkommen - das alles bereitet ungetrübtes Vergnügen.

Hacks selbst, so heißt es, hat seinerzeit Die Sorgen und die Macht als mißglückt bezeichnet - aber nichtsdestoweniger taucht das Stück in seinem Gesamtwerk auf. S o mißglückt war es nun wohl auch wieder nicht. Ich gestehe, daß ich andere Opera von Hacks mehr schätze. Dennoch. Diese Geschichte von der Brikettfabrik, in der alle gute Kohle machen, weil sie schlechte Kohle machen, aber dafür viel, und also den Plan mit Ausschuß übererfüllen, und der Glasbläserei, wo die Öfen ausgehn aufgrund des Mistes, den die da backen, und von der Love-Story zwischen den Vertreter(innen) der also antagonistischen Werke ist gar nicht so unwitzig. Denn die Sache kippt, als die Glasleute gute Kohle kriegen: Nun hat der Briketter keine Kohle mehr, kann infolgedessen nicht mehr den Macker spielen und kriegt ihn folgerichtig bei seiner Hede nicht mehr hoch.

Was Hacks damals diese haushohen Wogen der Empörung zuzog, war seine schamlos vorgetragene Erkenntnis, daß keine Sau was aus Idealismus tut und daß auch im Sozialismus Geld sinnlich macht, beziehungsweise die Kerls halt immer noch die „Ernährer“ spielen wollen und nicht in die Rolle der „Frau“ gedrängt werden möchten. Nichts mit Gleichberechtigung und nichts mit ideologischer Einsicht, und am allerwenigsten Leistung ohne „materiellen Anreiz“. Dergleichen Töne kamen nicht gut an. Das wurde verübelt. Aber Hacks, der spätere Meister der Ästhetisch-ökonomischen Fragmente Schöne Wirtschaft wußte auch da schon, wo die wahren gesellschaftlichen Konflikte ihre Wohnung haben.

Den Moritz Tassow habe ich mit ungetrübtem Vergnügen wiedergelesen. Das ist diese Bodenreform-Geschichte. Die ganze Nazizeit über hat Tassow, angeblich taubstumm, die Schweine gehütet. Nun sind die Nazis weg, und er will, nachdem sie halbherzig ihren Gutsherrn vertrieben haben, die Kommune ausrufen. Zumindest für sich. Und die Landwirtschaft gleich kollektivieren, wo doch damals erst mal die Bodenreform mit ihrer Parzellierung angesagt war. Natürlich geht er baden, der Anarchist, auch wenn er - später mal!- recht behalten soll. Auf dem Plan bleibt, nachdem auch der alte Kämpfer seinen durch KZ zerstörten Leib im Spital auskurieren soll, der „neue Mensch“ Blasche, der Funktionär und Paragraphenhengst, der Verwalter von Mittelmäßigkeiten.

Das ist ein ein schönes, böses und brillantes Stück, geschult an den großen Franzosen so- wie an Shakespeare, dessen Einfluß die wundervollen Clownsfiguren Schelle und Riepel zuzuschreiben sind, und der spukhafte „deutsche Wald“, der an Macbethsche Hexenszenen erinnert.

Als sich Tassow aus dem Dorf davonmacht, kündigt er an, Schriftsteller werden zu wollen. Dies sei „der einzige Stand, in dem ich nicht verpflichtet bin, kapiert zu werden oder Anhänger zu haben“.

Hacks ging es wie seinem Helden. Er hatte recht. Aber sein Kontrahent sagt: „Recht haben kann man nie als hier und heut.“ Und so nützen die Weisheiten der Zukunft und das Vorausschauen in andere Zeiten ihm genausowenig, wie dem armen Marat in Peter Weiss' Badewanne sein Wissen um den Sieg der proletarischen Massen nützte. Zumal er ja nun auch noch in der Realität unrecht bekommen sollte. Was für ein Schicksal für einen Dramenhelden. Da ist mir Tassows fröhlicher Abgang lieber.


© Edition Luisenstadt, 1998
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