Eine Rezension von Helmut Caspar

Höhen und Tiefen deutscher Geschichte

Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte
Mit Bildern aus dem Deutschen Historischen Museum.
C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1996, 276 S., 122 Abb.

Im Schicksalsjahr 1806 legte der römisch-deutsche Kaiser Franz II. die deutsche Kaiserkrone nieder und trug fortan nur noch den österreichischen Herrschertitel. Ein Streit seines Kutschers habe ihn mehr interessiert, kommentierte Goethe den unerhörten Vorgang. Das alte Reich hatte als Hülle eines Konglomerats unzähliger Fürstentümer ausgedient. Die „Bereinigung“ der Landkarte war in vollem Gange. Sechzehn süd- und südwestdeutsche Staaten unterzeichneten die Rheinbundakte und unterstellten sich dem Protektorat des neuen starken Mannes in Europa, Kaiser Napoleon I. von Frankreich. Im Oktober 1806 wurde die preußische Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen, und der Sieger zog als Triumphator durchs Brandenburger Tor. In Berlin dekretierte Napoleon I. die Kontinentalsperre zur wirtschaftlichen Ausblutung des Kriegsgegners England; 1807 zwang er Preußen harte Friedensbedingungen auf.

Wie so oft in der Geschichte hatte die Katastrophe vor 190 Jahren auch ihr Gutes. Der Schock der Niederlagen, das Gefühl der Demütigung, die schweren Finanzlasten, die Umtriebe der Besatzer und die Teuerungen, das alles kam zusammen, um zwei einander durchaus entgegengesetzte Veränderungen zu bewirken: Reformen in den deutschen Staaten nach französischem Vorbild und die Entdeckung der deutschen Nation, stellt Hagen Schulze in seiner Kleinen deutschen Geschichte fest. Der Berliner Geschichtsprofessor bescheinigt in seiner glänzend formulierten Analyse der wichtigsten Entwicklungslinien in der deutschen Geschichte von den Auseinandersetzungen germanischer Stämme mit den Römern bis zur heutigen Zeit den preußischen Reformern Stein und Hardenberg „geradezu revolutionären Schwung“, als die daran gingen, „den neuen Staat per Dekret zu verfertigen“. Unter dem Eindruck der napoleonischen Okkupation wurden die Begriffe „Vaterland“ und „Nation“ zu bisher nie gehörten Losungswörtern, und noch vor den Befreiungskriegen etablierte sich eine Nationalbewegung, für die Ernst Moritz Arndt das Motto ausgab: „Einmüthigkeit der Herzen sey Eure Kirche, Haß gegen die Franzosen eure Religion, Freyheit und Vaterland seyen die Heiligen, bei welchen ihr anbetet.“

Hehre Worte, aber die Wirklichkeit der nachfolgenden Restaurationsperiode sah anders aus. Die fürstlichen Versprechungen wurden nicht eingehalten, Kämpfer für deutsche Einheit und Freiheit verschwanden in Gefängnissen, verdienstvolle Reformer wurden in die Wüste geschickt, radikale Erneuerer als Demagogen verfolgt. Preußen, Österreich und Rußland schwangen sich zu Wortführern der Restaurationspolitik auf, in deren Schatten Kultur und Wirtschaft eine erstaunliche Entwicklung nahmen. Der Haß auf den Erbfeind blieb und war Nahrung für die folgenden Kriege gegen Frankreich, die 1871 zum deutschen Einheitsstaat unter preußischer Oberhoheit führten.

Das alles ist bekannt, und Hagen Schulze verkündet in seinem Buch beileibe keine neuen Wahrheiten. Er faßt zusammen, verfolgt Spuren, beschreibt Scheitelpunkte und Wendeschleifen, Rückschritte und Fortschritte, deren es in der langen Geschichte der Deutschen genug gab. Der Autor, ein Freund pointierter Formulierungen, nimmt es mit dicken Wälzern auf, die über diese Themen geschrieben wurden und in wachsender Zahl entstehen, ohne daß sie auch gelesen werden. Sein Buch kann man gut und gern an einem Wochenende in sich aufnehmen und wird dann klüger sein. Etwa wenn man den dornigen deutschen Sonderweg in die Nationenbildung, verglichen etwa mit den Franzosen oder Briten, nachvollzieht. Die Zersplitterung der europäischen Mitte sei lange Zeit Voraussetzung für das europäische Gleichgewicht gewesen. Erst als die Mitte einig, stark und aggressiv wurde, wurde es gefährlich. Dafür liefert das Buch eine Fülle von Beispielen.

Der in 13 Kapitel gegliederte Band endet mit der von Ernst Moritz Arndt vor 190 Jahren gestellten Frage, was des Deutschen Vaterland sei, verbunden mit einer Analyse der derzeitigen Verhältnisse im wiedervereinten Land. Schulze will anderen Völkern die Furcht nehmen. Der deutsche Sonderweg, das deutsche Sendungsbewußtsein seien an ihrem Ende angelangt, zum erstenmal besäßen die Deutschen seit 1990 beides - Einheit und Freiheit. Zum erstenmal hätten sich die Deutschen nicht gegen ihre Nachbarn, sondern mit ihrer Zustimmung zusammengeschlossen, zum erstenmal sei der deutsche Nationalstaat unwiderruflich an den Westen gebunden, eine Erscheinung, die vor 190 Jahren, als man antiwestliche, das heißt antifranzösische Ressentiments pflegte, noch undenkbar war.

Von der ersten bis zur letzten Seite liest sich das für einen breiten Leserkreis gedachte, in der erstaunlich hohen Startauflage von 30 000 Exemplaren verbreitete Buch spannend und lehrreich, ohne belehrend zu sein. Der Autor hilft bei der Urteilsfindung. Seine Schlüsse muß jeder Leser selber ziehen. Nach dem musikalischen Muster Thema und Variation sind dem Buch Illustrationen beigefügt. Sie sind das Salz in der Suppe, sind mehr als ansehnliches Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Erkundungen. Die Bilder stammen aus den Beständen des Deutschen Historischen Museums Berlin. Das ist nicht unwidersprochen hinzunehmen, denn wichtige Bilddokumente, die im Berliner Zeughaus fehlen, werden nicht berücksichtigt, andere, weniger charakteristische hingegen werden gezeigt. Museumsdirektor Christoph Stölzl hatte den durch die Studienbände „Weimar. Deutschland 1917-1933“, „Staat und Nation in der europäischen Geschichte“ und andere Veröffentlichungen bereits ausgewiesenen Autor um ein neues, faßliches Werk gebeten.

Der 1943 geborene Autor ist ein glänzender Stilist, der aus einem ungeheuren Wissensfundus schöpft und die Leser zielsicher und oft auch mit leisem Humor durch die Höhen und Tiefen deutscher Geschichte führt. Leider hat das Buch kein Personenverzeichnis, es fehlt als roter Faden eine Chronik wichtiger Ereignisse. Das Literaturverzeichnis reicht aus und regt zum Weiterstudieren an. Fraglich sind einige Zäsuren, die Schulze, ein Freund des großen Überblicks mit Mut zum Weglassen, gegen die Tradition vornimmt. So faßt er die Jahre 1942 bis 1949 im Kapitel „Finis Germaniae und neuer Anfang“ zusammen, wobei der wichtigste Einschnitt - das Jahr 1945 - selbstverständlich vermerkt, nicht aber besonders hervorgehoben und kommentiert wird. Auch die Niederlage von 1918 und das Ende der Monarchie gehen ohne besondere Merkmale im Kapitel „Der Große Krieg und sein Nachkrieg“ unter. Ob Hagen Schulzes Buch zum „Katechismus“ wie weiland Luthers alles erklärende Texte wird, wie Christoph Stölzl hofft, wird sich zeigen.


Berliner LeseZeichen, Ausgabe 10+11/96 (c) Edition Luisenstadt, 1996
www.berliner-lesezeichen.de

zurück zur vorherigen Seite