Rezension von Dorothea Körner


Deutsche und Polen - unentwirrbar historisch verbunden

Radek Sikorski: Das polnische Haus
Die Geschichte meines Landes.
Aus dem Englischen von Anne Middelhoek.
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1999, 378 S.

„Ein typisches dworek ist ein klassizistischer Bau aus dem 18. oder dem Anfang des 19. Jahrhunderts, hält die Mitte zwischen einem aristokratischen Palast und einem florierenden Bauernhof und verfügt über das obligatorische weiße Säulenportal und zumindest einen großen Garten ... In einem dworek läßt es sich nicht nur einfach angenehm wohnen, es ist ein Lebensstil.”

Radek Sikorski (geb. 1963), im sozialistischen Polen aufgewachsen und erzogen, 1981 emigriert und 1990 aus dem englischen Exil nach Polen zurückgekehrt, erwarb in Chobielin bei Bydgoszcz (Bromberg) ein solches Gutshaus, dessen Fundamente in das 14. Jahrhundert zurückreichen, und restaurierte es von Grund auf. In dem vorliegenden Buch unternimmt er es, die komplizierte Geschichte Polens - genauer seiner Heimatstadt Bydgoszcz und deren Umgebung - Schicht für Schicht offenzulegen. Indem er die Vergangenheit dieses Gutshauses, der Stadt und Region Bydgoszcz recherchiert, von seiner eigenen Kindheit und Jugend, den Erlebnissen seiner Eltern und Großeltern während des Zweiten Weltkrieges erzählt, gelingt es ihm, die Geschichtsklitterung, die Verdrängungen und Auslassungen der „sozialistischen” Geschichtsschreibung zu revidieren. Fokussiert auf ein Haus, eine Familie und eine Stadt, vermag er es auch, die schwierigen historischen Beziehungen zwischen Deutschen und Polen in ihrer Ambivalenz darzustellen.

Das Buch gibt auch Einblick in die polnische Mentalität und Überlebenskunst. So beispielsweise, wenn Radek Sikorski von seiner Kindheit in den 70er Jahren im sozialistischen Polen erzählt, von den jährlichen Devisenzuteilungen des Staates, die sich die Eltern durch ihr politisches Wohlverhalten erkaufen mußten. „Die Tage im Frühling, an denen jeweils die briefliche Bestätigung der Zuweisung [von Dollar; D. K.] eintraf, waren die glücklichsten meiner Kindheit”, erinnert er sich. Die Familien fuhren in PKWs - zumeist im Pulk - auf griechische oder türkische Zeltplätze. Unterwegs und in Istanbul wurde ein schwunghafter Handel getrieben, der die Reisekasse aufbesserte.

Sikorski, dessen Eltern im Bauwesen beschäftigt waren, erlebte eine durchschnittlich „sozialistisch” angepaßte Kindheit und eine aufmüpfige Jugend nach polnischem Muster. „Während unsere rebellischen Zeitgenossen im Westen sich anarchistischen Gruppierungen anschlossen oder Drogen durchprobierten, äußerte unser Protest sich darin, daß wir Pilgerfahrten unternahmen, einen Straßenaltar für die Corpus-Christi-Prozession bastelten oder die Kapelle kehrten.” Seit der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst hatte die kommunistische Ideologie bei Sikorski endgültig verspielt. Als Abiturient wurde er zum glühenden Aktivisten von „Solidarnosc”. Eindrücklich schildert er die „Provokation von Bydgoszcz”. Die blutige Auseinandersetzung der Geheimpolizei im März 1981 mit Jan Rulewski, einem bekannten „Solidarnosc”-Führer in Bydgoszcz, hätte um ein Haar das ganze Land in den Generalstreik getrieben. „Wie erst während der 90er Jahre bekannt wurde, hat der Papst nach harten Verhandlungen mit dem Kreml Walesa höchstpersönlich zum Einlenken bewogen”, berichtet der Autor. Er schildert den Enthusiasmus, mit dem sich damals alt und jung auf Streik und Belagerung, möglicherweise Bürgerkrieg bzw. die Invasion sowjetischer Truppen vorbereiteten, und die tiefe Enttäuschung aller, als der Generalstreik nicht stattfand. „Ein Stöhnen, nicht aus Erleichterung, sondern aus Enttäuschung und Wut”, ging damals durch das ganze Volk, erinnert er sich. Als im Winter 1981 der Kriegszustand über Polen verhängt wurde, hatte Sikorski gerade das Abitur abgelegt und hielt sich zu einem Sprachpraktikum in England auf. Da er politisch gefährdet war, kehrte er nicht nach Polen zurück. Er beantragte in Großbritannien Asyl, studierte in Oxford und arbeitete als Kriegsberichterstatter in Afghanistan und Angola.

Im Mittelteil des Buches geht Sikorski dem historischen Neben-, Mit- und Gegeneinander von Deutschen und Polen in seiner Heimat nach. „... beim Abendessen [wurden] die großen Kriegsereignisse und -erinnerungen älterer Verwandter so heftig diskutiert, als wäre der Krieg gerade erst vorbei”, erinnert er sich. Da seine Eltern aus einem Dorf in der Nähe von Bydgoszcz stammten, wo der eine Großvater Schulleiter, der andere Sattler war und beide Familien unter den Nazis nicht „Volksdeutsche” werden wollten, erlebten sie die Verfolgung durch Deutsche am eigenen Leibe. „Etliche Konflikte aus der Vorkriegszeit, typisch ländliche Fehden um Boden oder verletzte Ehre, die in normalen Zeiten mit einem Rechtsstreit oder einer Schlägerei geendet hätten, führten jetzt zu Denunziationen bei der Gestapo, die den Tod ganzer Familien zur Folge haben konnten.” Sikorski geht dem abenteuerlichen Schicksal eines Onkels nach, der damals kaum 14 Jahre alte war, aber von zu Hause fliehen mußte und als Zwangsarbeiter nach Deutschland geschickt wurde, weil er vor ehemaligen deutschen Mitschülern nicht die Mütze gezogen und auf deutsch gegrüßt hatte. Ein Großvater kam als Zwangsarbeiter nach Neu-Stettin und war dort in einem polnischen Schieber- und Schmuggelring sehr erfolgreich. Ein Großonkel, der katholischer Priester war, durchlitt die KZ von Buchenwald und Dachau. So nahe der Tod vielen Familienangehörigen war - Sikorski unterschlägt auch nicht die Listen und Betrügereien seiner Verwandten sowie die Gutherzigkeit und Großzügigkeit einiger Deutscher. „Von den Deutschen zu stehlen wurde damals ganz selbstverständlich als patriotischer Husarenstreich betrachtet, und in manchen Teilen Polens ist das noch immer so”, schreibt er.

In der unmittelbaren Umgebung von Chobielin liegt Potulice, heute das größte Gefängnis Polens, früher ein Schloß und theologisches Seminar, in dem die Nazis ein KZ für 10 000 Häftlinge einrichteten, davon waren ein Drittel bis die Hälfte Kinder. Nach 1945 wurde Potulice eins der größten Internierungslager für Deutsche. „In jenen Jahren drehten die Opfer der Deutschen den Spieß um”, gesteht der Autor. Ein ehemaliger Häftling von Auschwitz behandelte nun als Lagerarzt die Frauen ebenfalls sadistisch. Die Internierten wurden gequält und vergewaltigt, sie mußten für polnische Bauern arbeiten und wurden dazu gebracht, sich gegenseitig zu bespitzeln. Sikorskis Mutter erinnert sich, daß sie von einem Kindermädchen aus Potulice großgezogen wurde.

Besonders interessant sind Sikorskis Recherchen zur deutschen bzw. deutsch-polnischen Vergangenheit von Bydgoszcz. Nicht nur, daß zwei Deutsche 1346 unter dem polnischen König Kasimir dem Großen Bromberg gründeten, daß die Stadt während der Renaissance - ähnlich Krakau - überwiegend von Deutschen besiedelt war, auch den Aufschwung von der kleinen Provinzstadt zum industriellen Zentrum gegen Ende des 19. Jahrhunderts verdankt Bromberg, das von 1772 bis 1920 zu Preußen gehörte und 40 km von der russischen Grenze entfernt lag, einem Förderplan der deutschen Regierung, die hier französische Reparationsgelder investierte. „Das Geheimnis von Bydgoszcz, die unausgesprochene Wahrheit über unsere Stadt, die in der Schule niemals erwähnt wurde, ist, daß ihre Architektur zutiefst deutsch ist ... Ob ich die Stadtkirche besuche, das Gericht oder das Heimatmuseum, ob ich am Kanal oder über die Hauptstraße spaziere, in die Kirche gehe oder ein Zimmer im besten Hotel miete - jedesmal werde ich daran erinnert, daß an diesen Orten einst eine andere Sprache gesprochen wurde”, schreibt Sikorski. „Wie die Ukrainer in Lwow oder die Litauer in Vilnius hat man hier das Bewußtsein, in einer unsicheren Heimat zu leben”, empfindet er. Die historische Bausubstanz des Gutshauses, das er erworben hat, ist deutsch, ja selbst das eigene Familienwappen könnte auf deutsche Vorfahren zurückgehen. Die Deutschen „kamen im 14. Jahrhundert nach Osten und gaben ihr technisches Wissen und ihre Kultur an die Einheimischen weiter. Sie wurden wohlhabend und assimilierten sich schließlich”, wobei sie ihre Namen polonisierten. So wurde der erste, sehr verdienstvolle Bürgermeister der Stadt, ein Herr Kiesselhuth, vermutlich zu Kieslowski. Während der preußischen Herrschaft durften sich umgekehrt Juden, die ihre Namen eindeutschten, assimilieren.

Der letzte Teil des Buches gibt einen Einblick in das Polen der frühen 90er Jahre. Radek Sikorski wurde im Februar 1992 im Verteidigungsministerium der Regierung Jan Olszewski Staatssekretär, was eine wüste Pressekampagne gegen seine Person als „Agent des internationalen Kapitals” auslöste. Er beschreibt sehr eindrücklich die Schwierigkeiten dieser „Solidarnosc”-Regierung, einen Neuanfang durchzusetzen, sich von unfähigem Personal und überkommenen politischen Vorstellungen zu lösen. Zusammen mit dem Verteidigungsminister Jan Parys gelang es ihm, die Führung der Armee und des militärischen Nachrichtendienstes, der die eigene Regierung bespitzelte, auszutauschen und engere Kontakte zur NATO und der Ukraine zu knüpfen. Die Regierung Olszewski mußte bereits im Sommer 1992 zurücktreten. Sikorski bescheinigt ihr Anmaßung und Inkompetenz. Er berichtet Haarsträubendes über Walesas Persönlichkeit, seine politischen Vorstellungen und Alleingänge. In tiefer Resignation schildert er, wie sich in Polen anstelle einer liberalen Demokratie nach angelsächsischem Vorbild allmählich eine Kleptokratie lateinamerikanischen Zuschnitts entwickelt habe, in der die „Mitglieder der alten Nomenklatura, die ihre Parteibücher inzwischen gegen Scheckhefte eingetauscht” haben, die neue Mittel- und Oberschicht bilden. Gerade in Bydgoszcz, der zeitweiligen „Hauptstadt der Korruption”, fanden offensichtlich erschreckende Betrügereien im Bank- und Kreditwesen statt. Hier, wo ein Teil der Industrie inzwischen in deutscher Hand ist und andere Firmen für deutsche Auftraggeber arbeiten, orientiert man sich wirtschaftlich an Warschau genauso wie an Berlin. Sikorski, der die nationalen Vorurteile und Differenzen eines Tages überwunden sehen möchte, wünscht sich ein fruchtbares Miteinander von Deutschen und Polen innerhalb der EU, wie das einst in der Renaissance gang und gäbe war.



Berliner LeseZeichen, Ausgabe 04/2000 Edition Luisenstadt, 2000
www.berliner-lesezeichen.de

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