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zwei Tage später das Ereignis in der Zeitung »Der Tag«: »Man sah den Flieger in der Luft – durch das eigenartige Surren der Propeller aufmerksam gemacht – ängstlich einen Landungsplatz suchen, bis ihm anscheinend plötzlich die Rettung winkte: >Der beste Landungsplatz ist Unter den Linden.< Und dann sah man eine elegante Kurve. Über das Rauchsche Denkmal Friedrichs des Großen mit knapper Not hinweg setzte das Flugzeug auf dem Kaiser- Franz- Joseph- Platz auf, sprang ein paarmal in die Höhe, und schon sah man es weiter am Zeughaus und befürchtete das Schlimmste für >Roß und Reiter<. Doch ein schnellentschlossenes Herumreißen des Flugzeuges nach links rettete beide.«
     Genau um 5.05 Uhr war der Sporteindecker auf dem Flugplatz Staaken gestartet. Auf seinem Flug in die schlesische Hauptstadt habe er noch über Berlin, so berichtete Flugzeugführer Antonius Raab, Chefpilot des Stahlwerks Mark, den unmittelbar nach seiner Landung am Ort des Geschehens eingetroffenen Polizeibeamten, bemerkt, daß der Motor plötzlich spuckte, kein Benzin bekam. Wohin aber, mitten über der Stadt? War wirklich keine Landemöglichkeit in nächster Nähe? Er hat sich ganz schnell zu orientieren versucht, wobei ihm sofort im weiten Häusermeer zwei freie Plätze aufgefallen sind: der Moabiter Exerzierplatz und die Lindenpromenade, die breiteste Straße Berlins ...
Hans Aschenbrenner
Notlandung oder Filmaufnahme?

Ein Flugzeug landete am 8. Juli 1923 auf der Lindenpromenade

Ihren Augen mochten die wenigen Morgenspaziergänger im Tiergarten und weiter Unter den Linden nicht trauen, als sie am 8. Juli 1923, einem Sonntag, Zeugen eines seltenen Schauspiels wurden: Erstmals landete ein Flugzeug inmitten des riesigen Berliner Häusermeeres. Die Maschine kam gegen 5.30 Uhr im Gleitflug vom stahlblauen Himmel herab, flog ganz knapp über den Dächern der Innenstadt dahin und setzte auf dem Asphalt des Kaiser- Franz- Joseph- Platzes, zwischen Neuer Wache und Opernhaus, auf. Ein paarmal drehte sich der Propeller noch, dann stand der kleine metallene Eindecker von ganz geringer Spannweite – sieben Meter breit und fünf Meter lang, mit zusammenklappbaren Flügeldecken – still. Geschickt war der Pilot, Bäume und Anlagen nicht beschädigend, auf dem breiten Fahrdamm gelandet. Zu seinem Glück hatten an dieser Stelle weder Straßenbahnnoch Telegraphendrähte den Flug behindert. Besonders phantasievoll schilderte ein Augenzeuge

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Spätestens an dieser Stelle sei es erlaubt, an die Landung des Moskaufliegers Rust zu erinnern, der am 28. Mai 1987, dem »Tag des Grenzsoldaten«, spektakulär auf dem Roten Platz niederging. Mit seinem »Moskau- Besuch« brachte er mehrere hohe sowjetische Militärs zum Absturz. – Doch zurück zu unserem Raab. Der Weltkriegsflieger, der in Breslau die erste zivile Flugzeugführerschule gegründet hatte, versicherte den Beamten gegenüber nochmals, daß die Maschine einen Motordefekt gehabt habe, und er infolgedessen zur Landung gezwungen gewesen sei. Passanten allerdings, die sich in das Gespräch einmischten, wunderten sich darüber, daß bereits eine knappe halbe Stunde vor Auftauchen des Flugzeuges mehrere Filmoperateure am Ort des Geschehens gesichtet worden waren. Sicher in der Absicht, das Herunterkommen des Fliegers »zu kurbeln«. Was dann auch eifrig geschah. War die Notlandung getürkt? Der Verdacht kam auf, eine Berliner Filmgesellschaft bediene sich der fliegerischen Fähigkeiten von Raab, um spektakuläre Filmaufnahmen zu machen. Behauptungen und Dementis überschlugen sich, Gerüchte machten die Runde. Niemand wußte so richtig Bescheid, und deshalb wurde das Flugzeug erst einmal beschlagnahmt und beim Kommando der Schutzpolizei in der Oberwallstraße untergestellt. Man benachrichtigte die Luftüberwachungsstelle in Staaken und beauftragte sie, am 9. Juli einen Fachmann zu entsenden; noch am Nachmit- tag sollte dann der Motor unter Polizeiaufsicht von Sachverständigen untersucht und zweifelsfrei ermittelt werden, ob besagter Defekt wirklich vorlag. Sollte aber Raab, so wurde verlautbart, die Notlandung im Auftrag der Filmgesellschaft vorgenommen haben, so hätten er und der Direktor der betreffenden Filmgesellschaft mit einem Strafverfahren zu rechnen und sich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, wie es hieß, zu verantworten.
     Kaum noch etwas wurde an den darauffolgenden Tagen über die Ergebnisse des amtlichen Checks verlautbart. Dem allbekannten Sommerloch war wohl hinreichend Genüge getan, und zu »undurchsichtig« wie lächerlich zugleich mochte vielleicht im nachhinein so manchem das Ganze erschienen sein. Immerhin, die »BZ am Mittag« informierte am 10. Juli über eine an die Redaktion gerichtete Mitteilung der Berliner Leitung des Stahlwerks Mark, der der Sporteindecker gehörte, daß es sich auf keinen Fall um eine Filmaufnahme gehandelt habe, und daß die Firma keine Ahnung von der Anwesenheit der Filmoperateure auf dem Kaiser- Franz- Joseph- Platz gehabt habe. Im übrigen zeige die Untersuchung, daß tatsächlich ein Defekt an der Benzinzuführung vorgelegen habe. »Eine Landung in Berlin konnte auch insofern nicht vorgesehen sein, als der Flieger Raab in Breslau erwartet wurde, da er an einer Regatta teilnehmen sollte. Er hat sich nur
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sehr schwer zu der Notlandung entschließen können, da sie für ihn mit großer Lebensgefahr verbunden gewesen ist.« Die Beschlagnahme des Flugzeugs sei daraufhin wieder aufgehoben worden. Und die Polizei sei im übrigen zu dieser Beschlagnahme nicht berechtigt gewesen, da der Flugzeugführer im Besitz gültiger Ausweise gewesen war.
     Als souverän über den Dingen stehend erwies sich einmal mehr die »Vossische Zeitung« (9. Juli), indem sie in den Raum stellte, ihre Leser im Jahre 1973 würden, fiele ihnen der Hergang besagten Ereignisses in die Hände, »nicht verfehlen, sich über die Gemütlichkeit und die Engherzigkeit unserer Zeit lustig zu machen. Genau so wie wir jetzt über das Urteil eines hohen Münchener Obermedizinalkollegiums lachen, das bei der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke behauptete, bei den Insassen des Zuges müsse sich notwendigerweise Erbrechen einstellen, wenn sie nicht gar wahnsinnig würden.« Und die Leser der »Vossischen Zeitung« könnten in 50 Jahren, so hieß es in dem Artikel weiter, zu besagtem Thema auch noch lesen: »Heute, wo jedes anständige Geschäftshaus auf seinem Dach einen Flughafen besitzt, heute, wo nach Fertigstellung jeder Zeitungsausgabe Dutzende von Flugzyklonetten von der Charlottenstraße aus in die Lüfte erheben, um unsere Blätter in ganz Deutschland zu verteilen, können wir uns kaum noch vorstellen, daß man vor 50 Jahren den Antonius Raab aus Bres-
lau verurteilen wollte, weil er, was heute für einen Mann von Welt selbstverständlich ist, mit seinem Luftautomobil Unter den Linden landete.«
     Toni Raab aber erregte die Gemüter – der deutschen Flugzeugindustrie durch Waffenstillstandsbedingungen auferlegte Beschränkungen waren noch immer in Kraft – im Jahre 1923 ein weiteres Mal: mit einer Landung im Londoner Richmond Park.
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